Beten – Kunst oder Vorrecht

Eines der größten Vorrechte des christlichen Lebens ist die Möglichkeit zu beten. Beten ist eine dieser Sachen, die unglaublich einfach klingen, bis es so weit ist. Hast du schon mal die Erfahrung gemacht, dass du mit einer Gruppe von Leuten zusammen bist und ein Leiter fragt, ob jemand beten möchte? Warum ist es so, dass die meisten von uns zurückweichen, Augenkontakt vermeiden und hoffen, dass wir nicht herausgegriffen und aufgefordert werden, laut zu beten? Wenn wir ehrlich sind, dann deshalb, weil wir glauben, wir könnten es falsch machen. Vielleicht wissen wir nicht, was wir sagen sollen oder wie es wirklich funktioniert, und so fürchten wir uns davor, was andere denken könnten, wenn sie uns beten hören.

Das Gebet ist wirklich etwas, das wir alle brauchen, und ich würde sagen, es ist das wirkungsvollste Mittel, das wir haben, um in uns selbst und in anderen echte Veränderungen im Leben zu bewirken. Ehrlich gesagt, man kann dabei eigentlich nichts falsch machen. Das Gebet ist einfach ein Gespräch mit Gott.

Bedeutet das also, dass Gott uns alles geben wird, worum wir bitten? Nein, nicht einmal unsere irdischen Eltern würden das tun, selbst wenn sie es könnten. Ein weiser Elternteil gibt seinem Kind nur das, was gut für es ist. Das Problem ist, dass Menschen nicht immer um das beten, was sie brauchen, sondern um das, was sie wollen. Sie glauben, sie wüssten es besser als Gott.

Das Neue Testament kennt keine direkten Gebetsvorschriften oder Gebetsrituale, weder verbindliche Gebetszeiten noch Gebetshaltungen. Jesus gibt Gebetshilfen, nicht Gebetsvorschriften! Ein zentraler Leitsatz Martin Luthers ist es, das eigene Herz an den biblischen Texten – besonders an den Psalmen – zu wärmen.

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet des Christentums und geht direkt auf Jesus Christus zurück. Es ist im Neuen Testament der Bibel an zwei zentralen Stellen überliefert: im Matthäusevangelium (Matthäus 6,9–13) und im Lukasevangelium (Lukas 11,2–4). Auch das Vaterunser ist keine Vorschrift, sondern ein Muster, an dem sich unser Beten orientieren soll.

Paulus sagt im Römerbrief, dass, wenn wir nicht wissen, worum wir beten sollen, der Geist für uns eintritt, mit Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt (Römer 8,26). Der Heilige Geist gleicht also aus, was unseren unvollkommenen Gebeten fehlt. Er vervollkommnet sozusagen unsere Gebete. Er vervollständigt unsere unvollständigen Gebete. Wir haben also keinen Grund, uns Sorgen zu machen, ob wir etwas zu sagen haben oder das Richtige sagen, wenn wir beten. Was für ein großartiges Vorrecht! Wir müssen nicht beten – wir dürfen beten! Beten ist nicht Kunst, das auch, aber vor allem ein Vorrecht.

Wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen, können wir unsere Hand mit den fünf Fingern als Leitfaden nutzen, wenn wir beten. Wenn wir auf unseren kleinen Finger schauen, unseren schwächsten Finger, beten wir für diejenigen, die krank sind oder deren Glaube vielleicht schwach ist. Wenn wir auf unseren Ringfinger schauen, beten wir für Freundschaften oder für diejenigen, die verheiratet sind. Unser Mittelfinger ist normalerweise der größte Finger, also beten wir für diejenigen in verantwortlicher Position – in der Regierung und in unserem Kirchenvorstand.

Und da unser Zeigefinger zum Zeigen dient, beten wir für diejenigen, die den Weg zum Himmel weisen – für die berufenen Mitarbeiter im Reich Gottes. Wir beten auch für unsere Sonntagsschullehrer usw. Erst dann, wenn wir zu unserem Daumen kommen, beten wir für diejenigen, die uns nahestehen und lieb sind, und wir beten für uns selbst.

Pastor Harry Niebuhr