
- Erzähl uns etwas von deiner Kindheit in Deutschland. Wo bist du aufgewachsen, wie war das Familienleben und woran erinnerst du dich besonders gern?
Ich bin im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen, also dort, wo die beiden Flüsse Rhein und Main zusammentreffen. Die größeren Städte in der Nähe sind Frankfurt, Wiesbaden und Mainz. Dort bin ich auch zur Schule gegangen.
Ich hatte wirklich eine schöne und unbeschwerte Kindheit. Wir haben viel draußen auf der Straße mit den Nachbarskindern gespielt. Besonders gern erinnere ich mich an die Wochenenden, an denen wir mit unseren Eltern etwas unternommen haben, zum Beispiel Fahrradtouren. Auch die Treffen mit meinen Cousins und Cousinen waren immer etwas Besonderes.
Meine Eltern kommen beide aus großen Familien. Ich selbst habe nur einen älteren Bruder, was ich immer ein wenig bedauert habe, denn ich hätte mir mehr Geschwister gewünscht.
Als Kinder haben wir viel Zeit draußen verbracht: lange Fahrradtouren gemacht, im See geschwommen, Schlittschuh gelaufen und einfach gemeinsam gespielt.
- Welche Rolle spielte der Glaube in deiner Kindheit, und was bedeutet er dir heute?
Die Kinderfreizeiten und Jugendlager der Gemeinde haben mich sehr geprägt. Sie haben mich geistlich immer wieder aufgebaut, denn in der Schule hatte ich oft den Eindruck, dass niemand mehr an Gott glaubt.
Am Anfang habe ich mich geschämt, dass wir in die Kirche gehen, weil keine anderen Kinder in der Schule es taten. Als ich dann einzelne christliche Freunde gefunden habe, hat mich das ermutigt, und der Glaube wurde ein starker Halt in schwierigen Zeiten.
Wir sind jeden Sonntag in die Gemeinde meines Opas gegangen, eine evangelisch-lutherische Brüdergemeinde. Deshalb ist mir das Lutherische hier in Lüneburg vertraut.
Mein Glaube hat sich weniger aufgrund des Ortes verändert als durch neue Lebenssituationen, die ich erlebt habe – Heirat, Mutterwerden oder den Verlust eines Menschen. Manches hat mich an Gott zweifeln lassen, aber gerade dann sucht man bei Ihm nach Antworten und Trost. Das hat meinen Glauben jedes Mal neu entfacht und belebt.
Heute ist mein Glaube ein fester Halt. Ohne ihn wäre ich wie eine Feder, die durch die Welt geweht wird. Er gibt mir Richtung und Mut für den Tag und für die Zukunft.
- Hast du noch viel Kontakt zu deiner Familie in Deutschland, und was vermisst du manchmal aus deiner Heimat?
Ja, ich hänge noch sehr an meiner Familie. Wir pflegen den Kontakt so gut es über die große Distanz möglich ist, vor allem durch Videoanrufe.
Wir versuchen, einmal im Jahr nach Deutschland zu fliegen, besonders solange unsere Kinder noch klein sind und ihre Großeltern haben. Die Kinder freuen sich auch über ihre gleichaltrigen Cousins und Cousinen in Deutschland.
Meine Familie schafft es leider nicht so oft nach Südafrika zu kommen. Mein Bruder hat zudem Schwiegerfamilie in Kanada, wohin meine Eltern ebenfalls reisen.
Am meisten vermisse ich meine Familie und Freunde und die Möglichkeit, sie spontan besuchen zu können. Ansonsten sind es eher Kleinigkeiten: lange Sommerabende, Eisdielen in jedem Dorf, Kirschen, Schnee im Winter, kalte Weihnachten, Weihnachtsmärkte und die Weihnachtsbeleuchtung an den Fenstern.
- Wie hast du deinen Mann, Ralf, kennengelernt, und wie kam es dazu, dass du nach Südafrika gezogen bist?
Nachdem es mir in Südafrika so gut gefallen hatte, begann ich hier ein Studium. Während dieser Zeit war ich einmal für ein Wochenende auf der Küsel-Farm, um einen anderen Teil Südafrikas kennenzulernen. Dort habe ich Ralf zum ersten Mal gesehen.
Bevor wir geheiratet haben, kannten wir uns nicht lange. Es war ein echter Glaubensschritt. Gott hat uns in dieser Entscheidung geführt. Für die moderne Welt ist das kaum vorstellbar, aber wir haben Gott vertraut, und Er hat uns nicht enttäuscht. Ich hätte mir keinen besseren Mann aussuchen können.
Nachdem ich in Südafrika studiert und zwei Jahre gearbeitet hatte, ging ich zurück nach Deutschland. Ich lebte bereits wieder zwei Jahre in Europa beziehungsweise in der Schweiz und hatte mich dort eingelebt, als ich Ralf mein Ja-Wort gab.
Für mich war es damals eher traurig als aufregend, zu wissen, dass ich wieder so weit von meiner Familie entfernt sein würde.
- Was war für dich am schwierigsten, als du nach Südafrika gekommen bist, und was hat dich begeistert?
Am schwierigsten war es, keine Familie und keine Freunde in der Nähe zu haben. Dazu kam die völlig unbekannte Umgebung. Auch die großen Entfernungen zu Städten wie Johannesburg, Pretoria oder Durban für Fachärzte und bestimmte Geschäfte waren ungewohnt.
Außerdem hat sich mein Lebensstil komplett verändert. Ich war das Großstadtleben gewohnt und lebte nun auf einer abgelegenen Farm.
Begeistert hat mich sofort die Weite. Als Kind habe ich immer scherzhaft gesagt: „Wenn ich einmal groß bin, möchte ich so leben, dass unser Nachbar mich nicht hören kann, wenn ich schreie.“ Damals habe ich allerdings nicht an ein anderes Land gedacht.
Unsere Kinder können hier so viel Zeit in der Natur verbringen. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres, als so aufzuwachsen.
- Wie ist das Leben auf der Farm mit sechs Kindern?
Das Farmleben ist sehr beschäftigt, und sechs Kinder innerhalb von acht Jahren machen es natürlich noch hektischer und chaotischer. Es gibt Tage, an denen alles drunter und drüber geht.
Trotzdem bringt dieses Leben sehr viel Gutes mit sich, und das Positive überwiegt das Schwierige deutlich. Deshalb würde ich es niemals eintauschen wollen.
Ich kann wirklich sagen, dass ich mich reich beschenkt und gesegnet fühle und Gott dafür nur dankbar sein kann.
- Wie schaffst du es, Familie, Farm und Alltag unter einen Hut zu bringen?
Leider schaffe ich es nicht immer, alles unter einen Hut zu bringen. Vieles läuft nicht so, wie ich es plane oder gerne hätte. Das musste ich erst lernen anzunehmen.
Nicht immer ist im Leben alles gleichzeitig möglich. Oft merke ich, dass ich das Schöne verpasst habe, weil ich mich auf das Falsche konzentriert habe.
Über die Jahre habe ich gelernt, meine Prioritäten anders zu setzen.
Ein typischer Tag besteht aus Aufstehen, Kinder fertig machen, Kinder zur Schule, Vorschule oder zum Kindergarten fahren, das Haus aufräumen, Büroarbeit erledigen, Mittagessen kochen, Kinder abholen, Hausaufgaben begleiten, Kinder baden, Abendessen vorbereiten und die Kinder ins Bett bringen.
Die Kinder haben bereits einige Aufgaben, auch wenn sie für vieles noch etwas zu klein sind. Tisch decken und abräumen, die Spülmaschine ein- und ausräumen, Betten machen und Spielsachen aufräumen gehören zu ihren Aufgaben.
- Was macht dir im Alltag besonders Freude, und was fordert dich heraus?
Die Gartenarbeit zusammen mit den Kindern genieße ich sehr. Außerdem liebe ich es, einfach mit ihnen zu plaudern.
Herausfordernd ist manchmal das Kochen für viele Besucher. Auch die Erziehung der Kinder fordert mich, denn jedes Kind ist anders und braucht etwas anderes.
- Was schätzt du an Lüneburg und der Gemeinschaft hier?
Ich schätze besonders, dass Lüneburg und die Gemeinschaft hier die christlichen Werte nicht über Bord geworfen haben. Der Glaube ist hier noch überall präsent, verbindet Menschen und stärkt sie gegenseitig.
Besonders wertvoll finde ich das Miteinander und Füreinander. In Deutschland nimmt das Christentum immer weiter ab, und christliche Gemeinschaften oder auch nur christliche Nachbarn werden seltener.
Jeder kennt jeden, viele sind miteinander verwandt, und man hilft einander. Das macht diese Gemeinschaft für mich besonders.
- Fühlt sich das Leben hier manchmal wie Deutschland an, und welche Traditionen hast du beibehalten?
Ja, durchaus. Besonders bei Traditionen wie Adventskränzen, Plätzchenbacken, Weihnachtsliedern, bemalten Ostereiern oder dem Ostereiersuchen.
Beibehalten habe ich zum Beispiel bunte, gekochte Eier zu Ostern. Auch wenn die Kinder sie nicht besonders lieben, würden sie mir beim Osterfrühstück fehlen.
Am 6. Dezember feiern wir Nikolaustag. Die Kinder stellen ihre Stiefel – in Südafrika eher Gummistiefel – hinaus, und am nächsten Morgen sind sie gefüllt.
Und eine Gewohnheit, die wahrscheinlich viele Deutsche nicht ablegen können: Straßenschuhe werden im Haus ausgezogen.
- Fühlst du dich in Südafrika zuhause?
Ja, auch wenn nicht zu hundert Prozent. Südafrika ist sehr vielseitig, und es gibt viele Kulturen, die ich noch nicht gut kenne. Deshalb fühle ich mich manchmal noch fremd.
Trotzdem fühle ich mich hier wohl und kann wirklich sagen: Ich bin im Leben angekommen.
- Wenn du zurückblickst: Würdest du denselben Weg noch einmal gehen? Was hast du über dich selbst gelernt, und was gibt dir Kraft im Alltag?
Ja, ich würde denselben Weg wieder gehen. Diesmal allerdings mit weniger Zweifel und mehr Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns meint und immer das Beste für uns möchte. Das vergessen wir Menschen oft, besonders wenn etwas Unbekanntes vor uns liegt.
Ich habe gelernt, dass man mehr schaffen kann, als man denkt. Oft stand ich in Situationen, in denen mir nichts anderes übrig blieb, als hindurchzugehen. Im Nachhinein war ich erstaunt, dass ich es geschafft habe.
Kraft gibt mir Gottes Wort. Oft sind es gar nicht lange Kapitel, sondern nur wenige Verse, die man schon lange kennt und die plötzlich ganz neu sprechen. Manchmal passen sie genau zu der Situation, in der man sich gerade befindet. Das ist unser lebendiger Gott.
- Was wünschst du dir für deine Kinder?
Dass sie den Herrn Jesus über alles lieben und sich für ein Leben mit und für Ihn entscheiden. Ich denke, wenn eine Mutter das von ihren Kindern weiß, dann fallen schon viele Sorgen von ihren Schultern.
