Predigt – 01. Sonntag nach Weihnachten 2025

Liebe Gemeinde,

Hiob zu Weihnachten? Haben wir doch gerade gesungen: „O, du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit …“, und nun so schwere Themen wie: Der Sinn des Leidens? Warum gibt es das Böse in der Welt? Lasst uns doch mal für ein paar Stunden die böse, arge Welt da draußen lassen und einfach nur in nostalgischer, sentimentaler Genügsamkeit verweilen vor dem Weihnachtsbaum und dem süßen Kind in der Krippe. Lasst die Arbeit mal draußen, die Kerzen leuchten, Geschenkpapier rascheln und uns alles Gute wünschen, nicht wahr?

Ja, tun wir ja auch, meistens, sogar in der Kirche. Mal soll nur wissen: DAS ist nicht Weihnachten im biblischen Sinne, sondern einfach ein nettes Volksfest. Und ein Volksfest kann man ja feiern; wir brauchen mal Pause, Familienzeit und sich einfach mal was Gutes gönnen. Aber in der Bibel steht nichts vom Weihnachtsbaum und bunten Kugeln, nichts von „stille Nacht“ oder Kerzen, keine Tiere im Stall, usw. Das meiste haben Menschen sich mit der Zeit ausgedacht; es wird wie in keinem anderen Monat des Jahres soviel verkauft und gekauft, gesoffen und Missbrauch getrieben wie in Dezember.

Wir haben zu Heilige Abend gesagt: Dort, wo die frohmachende Botschaft in aller Welt gepredigt wird, wo Christus in die Welt kommt durch unsere gute Taten, wo Menschenherzen transformiert werden im dem Heil Christi – dort ist wahrlich Weihnachten. Wochenspruch: Und das Wort ward „Fleisch“ = Gott wurde Menschen, und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit! – das ist wahrlich Weihnachten im biblischen Sinne.

Und was wir in den biblischen Geschichten (besonders Lukas) finden, rundum die Geburt Jesu, sind Loblieder – ein Loblied nach dem anderen, angefangen mit Zacharias, Loblied der Maria, die Hirten und Engel, Simeon und Hanna (heutiges Sonntagsthema), und, und, und.

Mit dieser Kombination: die Herrlichkeit Gottes sehen und ein Loblied anstimmen – damit sind wir mitten im Buch Hiob, beziehungsweise am Ende des Buches Hiob. Was wir als Predigttext gelesen haben, ist ein Loblied – das gehört genauso zur Weihnachtszeit wie alle anderen. Es ist allerdings auch so, dass man sich mit dem Buch Hiob erst mal die Zähne ausbeißt; das fordert Zeit, Geduld und Hingabe.

I

Kurz zur Erinnerung: Hiob war einer der wohlhabendsten Männer des Osten, viele Kinder, gerecht und gut. Der Satan nahm ihn alles weg, alle Tiere und Kinder und Besitz, sogar seine Gesundheit. Er sitzt auf dem Müllhaufen vor der Stadt und schabt sich die Wunden. Drei Freunde kommen zu ihm, und beginnen ihn zu „trösten“. Lange, tiefsinnige Dialoge, wo Hiob ihren Rat nicht annimmt, um Sünden zu bekennen, die er nicht getan hatte. Es kommt ein vierter Freund hinzu, der ihm rät, mit Gott zu rechten. Hiob will seine Sache Gott vorlegen, und schließlich erscheint ihm Gott auch. Gott nimmt den Hiob auf eine Kosmos-Tour und stellt ihm 77 Fragen über 4 Kapitel lang, worauf Hiob nicht eine Antwort weiß. Und am Ende von Kapitel 42 bringt er dieses Loblied, und danach lesen wir von keinem Wort mehr von Hiob. Gott gibt noch einige Anweisungen an die 3 Freunde und es wird beschrieben, wie Hiob wieder alles fast doppelt zurückerstattet bekommt, was er vorher verloren hatte.

Es ist ein ungemütliches Ende, denn der Leser fühlt: irgendwie sind die ganzen Fragen Hiobs ja nicht beantwortet worden, oder? Warum gibt es so viel Leiden in der Welt? Warum hält Gott sich scheinbar nicht an sein Gesetz – nämlich, dass böse Menschen gestraft und gute Menschen belohnt werden. Hier leidet ein gerechter Mann wie Hiob – warum? Aber es ist erstaunlich, erstaunlich, wie er kämpft und ringt und durch alle Gefühle menschlicher Erfahrung geht, und dennoch an Gott festhält. Nochmal: Hier klammert sich ein von-Gott-geplagter Mensch an Gott. Hiob lässt nicht los. Und am Ende findet er … ja, genau das ist das merkwürdige Ende: Was findet Hiob eigentlich? Wir lesen diesen nur diesen Lobpreis: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, was du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. … Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

II

Drei Reaktionen wollen wir hier hervorheben und für uns anwenden.

Erste Reaktion: Hier ist Hiob überwältigt: Wow, Gott, du bist fantastisch. Was du tust, ist einfach grandios – in englisch: marvelous! Everything is fine-tuned. Vier Bereiche werden umschrieben. Hiob gibt zu: Alles, was du tust, ist bis ins Detail aufeinander abgestimmt. (1) Das habe ich schon in der Schöpfung entdeckt: die Sonne und Planeten sind einander zugeordnet; die Jahreszeiten sind perfekt gemacht. In keinem Augenblick ist der Kosmos in Gefahr gewesen, außer Kontrolle zu geraten. (2) Die verschiedenen Pflanzen und Tiere sind genau richtig, wie du, Gott, das gemacht hast. Sie alle haben ihren Platz und werden von Gott versorgt, wie ER es sich gedacht hat, auch wenn Menschen für sich die Tiere in Anspruch nehmen. (3) Auch die menschlichen Kulturen und Völker, ihre Gewohnheiten und ihr Tagesablauf sind wohl geordnet. Da ist kein Mensch, der Gottes Allmacht bedrohen würde, und auch kein Mensch, der von Gott übersehen würde – alle Menschen, geborenes und ungeborenes Leben ist in seiner Hand, fromme wie auch böse, reiche und arme – alle sind seine Geschöpfe. (4) Und der vierte Bereich ist das Böse, oder die bösen Gestalten sind wie kleines Spielzeug in Gottes Hand. So wie es Psalm 139:14 sagt: Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

Zweite Reaktion. Hiob wird persönlich: Auch was du mit mir getan hast, erkenne ich, hast du Gott genau richtig getan. Du hast mich so manche leidvolle und schwere Wege geführt, aber wie du mich Schritt-für-Schritt bei der Hand genommen hast und mich geleitet hast, war genau das Richtige. Als du mir die 77 Fragen gestellt hattest, konnte ich nicht einmal antworten; aber diese Fragen haben mir die Einsicht gegeben in deine Allmacht. Ich erkenne, dass da es einen Gott gibt – und dieser Gott, bin nicht ich. DU bist Gott. Und in meiner Arroganz, dich Gott in Frage zu stellen, bin ich Hiob, total gescheitert.

Früher habe ich nur von dir vom Hören-sagen eine Ahnung gehabt; ich hatte was im Konfirmandenunterricht gelernt und andere haben mir was von dir erzählt. Aber jetzt habe ich dich gesehen – und ich unterwerfe mich ganz und meine Weisheit ist nicht vor deiner Allwissenheit.

Dritte Reaktion: Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche. Die alte Lutherübersetzung liest: Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche. Buchstäblich, Wort-für-Wort übersetzt steht da: darum verwerfe ich Staub und Asche. In diesem Fall ist “Buße” nicht richtig übersetzt. Ok, man könnte meinen, dass Sünder ja Staub und Asche über sich werfen als Zeichen ihrer Vergänglichkeit und Reue – das ist richtig so an anderen Stellen, aber nicht an dieser Stelle, denn Hiob wird auch von Gott nicht als Sünder ausgewiesen, sondern Hiob war gerecht.

Hier ist es ein idiomatischer Ausdruck im Hebräischen und heißt: ich denke nochmal ganz anders über Staub und Asche. Was ist denn “Staub und Asche”? Das ist einfach ein Hinweis auf den Menschen an sich. Der Mensch im Vergleich zu Gottes ewiges Wesen, seine Allmacht und Allwissenheit, ist wie nichts, wie Pulverstaub, der im Wind verweht, wie Asche die Zerfällt. Also Hiob sagt: ich verwerfe, was Menschen mir gesagt haben. Ich höre auf dich! Und von nun an denke ich ganz anders über Menschen.

Wie war denn seine bisherige Vorstellung von Menschen? Die Antworten haben die Freunde und Hiob selbst in den vorigen Kapitel gegeben. Sie meinten: der Mensch wird von Gott hart geplagt. Es sieht sogar aus, als ob Gott Freude dran hat, den Sünder zu strafen. Der Mensch ist wie eine Fliege, die Gott einfach platthauen kann, wenn sie lästig wird. Gott kümmert sich einen Dreck um Staub und Asche. Deswegen kam die Versuchung an Hiob heran, wenn Gott sich sowieso nicht um ihn kümmert, dann mach doch einfach Schluss – fluche Gott und stirb. Aber niemals hat Hiob Gott geflucht, verworfen oder angeklagt. Hiob wollte eine Rechtssache mit Gott haben, ja, aber er hielt aus, trotz unbeantworteter Fragen. Er hielt durch.

Und am Ende bekommt Hiob die Antwort von Gott selbst, dass dem Gott jedes Lebewesen wertvoll und kostbar ist. Gott achtet auf die Menschen, ER achtet auf mich. Hiob sagt hier: Solche Leute, die so verächtlich über das Leben reden, verachte ich jetzt auch. Ja, ich selbst habe auch gedacht, Gott sorgt sich nicht um Staub und Asche – aber das war falsch. Gott achtet sehr wohl auf die Menschen. Ich werde neu denken über den Menschen in Gottes Augen. Soviel zum Text.


Warum wird dieser Text uns nun in dem Weihnachtskreis zu diesem Sonntag gegeben? Ich möchte vier Punkte hervorheben. Und ich fange bei den eben-genannten Punkt an:

(1) Gott achtet auf die Menschen, auf dich und mich, auf jedes geborene und ungeborene Lebewesen. Gott sieht das Elend der Menschen. Gott macht Ernst. Und ER will nicht nur ein kleines Pflaster auf die Wunde tun, sondern den ganzen Menschen heilen. Und das tut ER, indem Gott Ernst macht mit den Ursachen des Elends. Das zeigt in Jesus Christus.

(2) Da bin ich schon beim zweiten Punkt: Obwohl Hiob nur Andeutungen bekommt, dass Gott das Böse kontrolliert, bekommen wir im Neuen Testament die schaurige Sicht, wie Gott das Böse hantiert. Wie ernst Gottes es meint mit Sünde, Teufel und Tod, das sehen wir in dem Kind in der Krippe und am Kreuz von Golgatha. Gott steht nicht nur über dem Elend der Menschen, sondern macht sich Teil von dem Leid. Gott geht in Jesus Christus hinein in Menschengestalt und erleidet alles mit, was Hiob erlitten hat, ja was alle Menschen zu allen Zeiten erleiden. Es kostete Gott sein Leben in seinem Sohn, mit dem Bösen fertig zu werden. Diese Botschaft werden wir zur Passionszeit wieder betonen, aber Hiob hat schon geglaubt und erkannt: ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Gesehen hatte Hiob ihn noch nicht, aber geglaubt hat er IHN.

So auch wir als Gotteskinder leben im Glauben, nicht im Schauen. Obwohl wir das große Vorrecht des Neuen Testamentes haben, bleibt uns vieles vorbehalten und wir werden aufgerufen, zu glauben, Gott ganz zu vertrauen, uns diesem Gott des Himmels und der Erde anzuvertrauen.

(3) anschließen gleich Drittens: Wir haben zu dieser Kirchenjahreszeit das Vorrecht zu hören: uns ist ein Kind gegeben, und sein Name heißt Immanuel = Gott mit uns. Das ist das größte Gottesgeschenk, dass Gott dem Hiob gibt und offenbart: Meine Gnade ist für dich genug!

Fragen über Fragen hatte Hiob. So viel Drama und so viele Fragen durch das ganze Buch hindurch. Doch am Ende schenkt Gott dem Hiob die Zusicherung seiner Gegenwart. Das ist genug.

Ist das nicht auch die tiefste Sehnsucht des Menschen, von jedem einzelnen Menschen, dass ich weiß, Gott ist für mich – wer kann gegen mich sein? Paulus in seinem Römerbrief: Ich bin gewiss, dass nicht kann mich scheiden von der Liebe Gott, die in Christus Jesus für mich ist. Gott ist auf meiner Seite, ER ist nicht mein Gegner. Gott ist Immanuel – im Leben und im Sterben und in aller Ewigkeit.

(4) Und vierter Punkt, bitte nicht übersehen. Es geht um viel, viel mehr als mein kleines, kurze Leben. Gott schenkt dem Hiob die Weitsicht, dass Gott alle Menschen, ja den ganzen Kosmos hantiert.

Aber ratet mal, wer schaut die ganze Zeit auf Hiob, als es ihm gut ging und noch viel mehr, als es ihm schlecht geht? Es sind Gott und Satan und alle Engel, seine Frau, alle Freunde und viele, viele Menschen schauen auf Hiob. Wird Hiob Gott verfluchen? Wird Hiob Sünden bekennen, die er nicht begangen hat, nur um wieder gesund zu werden und damit es ihm gut geht? Oder wird Hiob Gott treu bleiben und trotz aller Fragen, sich zu Gott halten?

Hiob hat nie von dem Gespräch im Himmel gewusst, aber wir wissen es. Es geht um viel, viel mehr als wir sehen oder begreifen. Auch am Kreuz von Golgatha geht es um viel mehr als wir nur eine Geschichte lesen; es geht um ein Weltendrama, es geht um deine und meine Seele und ewige Seligkeit.

Kannst du dir vorstellen, dass Gott und Satan, Engel und viele Menschen um dich herum auf dich und mich schauen. Sie alle sind gespannt: wird Pastor Klaus in seinen Gedanken und Herzen Gott absagen? Wenn ihm ein Unglück passiert, wird er fluchen und schimpfen? Wenn Frau Müller mit Krebs diagnoziert wird, wird sie Gott vertrauen auch in dem Leiden oder wird sie alles tun, nur um wieder gesund zu werden? Wird der junge Student den Versuchungen in der Stadt (wir können auch ruhig sagen, die junge Auszubildende den Versuchungen auf dem Land) standhalten oder auf das Gerede der Leute eingehen? Gott und Satan, Engel und Menschen sind gespannt…

Darum um noch einmal mit dem letzten Satz in diesem Paragraphen abzuschließen wie Hiob sagt: Darum gebe ich auf. Ich höre auf, mich selbst rechtfertigen zu wollen. Ich rechne von nun an mit Gottes Gerechtigkeit. Ich bereue in Staub und Asche – haben wir gesagt, bedeutet: ich denke neu über den Menschen. Ich weiß, Gott achtet den Menschen als höchstes Geschöpf. Gott achtet auf mich. Nichts geschieht ohne seinen Willen.

Und so beten wir heute wieder ganz bewusst auch im Hinblick auf die Jahreswende: Dein Wille geschehe. Und sein Wille ist gut für mich. Denn: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. Amen.