Bohnenparabel

Zunächst eine persönliche Frage vorweg: Woran denken Sie denn gerne? Gehören Sie zu den Menschen, die in der Zukunft leben, Pläne schmieden, sich Gedanken über das Morgen machen, Ideen entwickeln, vom nächsten Tag träumen? Oder sind Sie eher im Gestern verhaftet, in den vergangenen Zeiten? Überlegen, wie man alles besser oder zumindest ganz anders hätte machen können, wollen nicht Abschied nehmen von Vergangenem und sich auf das Heute konzentrieren?

Tja, genau darum geht es uns: Um das – Heute, den jetzigen Augenblick, den Moment, den wir zur Verfügung haben, um ihn zu gestalten, zu genießen, auszuhalten, zu erleben. Das Heute sei die Brücke zwischen dem Gestern und dem Morgen, meinte jemand. Weder die Vergangenheit noch die Zukunft haben wir unter Kontrolle, sie entziehen sich unserer Verfügungsgewalt. Wie schade, wenn wir jene Zeit verträumen und vertun, versäumen und missachten, in der sich unser Leben tatsächlich abspielt. Gott ist Herr der Vergangenheit und der Zukunft – das Heute hat er uns anvertraut, um es mit seiner Hilfe zu gestalten. Kostbar ist das Jetzt, der Moment, in dem ich gerade stehe. Und wer diesen Augenblick bewusst erlebt, hat am Ende des Tages auch viele Bohnen in seiner Tasche. Was damit gemeint ist?

Was haben Bohnen mit dem Lebensglück zu tun? Das sagt Ihnen die Geschichte jenes Grafen, der sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer schlechthin war. Er verließ niemals das Haus, ohne eine Hand voll Bohnen einzustecken. Er tat dies, um die schönen Momente des Tages bewusst wahrzunehmen und sie besser zählen zu können. Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel: einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen eines Kindes, eine gute Speise – für alles, was das Gemüt und die Sinne erfreut, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Abends saß er zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war, und freute sich. Sogar, wenn er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen – es hatte sich zu leben gelohnt!

Können Sie Ihr Leben genießen? Nein, wir meinen nicht “die Sau rauslassen”, über die Stränge schlagen, so nach dem Motto “hinter mir die Sintflut” – sondern genießen im Sinne einer bewussten Lebenseinstellung, Schönes zu sehen, zu schmecken und zu riechen, zu erfassen und zu bewahren.

Können Sie am Abend “Bohnen zählen” wie jener Graf in unserer Geschichte, dem nichts Gutes im Laufe seines Tages entgangen war? Dann sind Sie ein glücklicher Mensch, denn Sie wissen das Gute zu schätzen, mit dem Gott unser Leben beschenkt. Wer mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, erlebt überall Spuren von Gottes Gegenwart. Und wer diese Spuren aufnimmt und am Abend seines Tages Gott, dem Schöpfer, für die Erlebnisse und Erfahrungen der vergangenen Stunden danken kann, der erlebt Lebensglück und tiefe Zufriedenheit. Und das wünschen wir Ihnen auch!